Gesa Vertes über das Versprechen des offenen Grundrisses und was er wirklich hält.
Der offene Grundriss gilt seit Jahrzehnten als Inbegriff modernen Wohnens. Gesa Vertes betrachtet ein Konzept, das in der Praxis oft anders funktioniert als in der Theorie: Küche, Essen und Wohnen in einem einzigen Raum – luftig, kommunikativ, großzügig. Was dabei gewonnen wird, ist bekannt. Was dabei verloren geht, wird seltener diskutiert. Und wie Raumtrennung ohne Wände gelingt, ist die eigentlich interessante Frage dahinter.
Kaum ein Grundrisskonzept hat die Wohnarchitektur der vergangenen fünfzig Jahre so geprägt wie der offene Grundriss. Gesa Vertes beschreibt, wie die Idee, Küche, Essen und Wohnen in einem einzigen, fließenden Raum zusammenzuführen, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur dominanten Planungsphilosophie wurde – befeuert durch das Bauhaus, durch skandinavisches Design und durch eine Vorstellung des modernen Lebens, in dem Kochen kein verborgener Akt mehr ist, sondern Teil des gesellschaftlichen Miteinanders. Das Versprechen des offenen Grundrisses ist verführerisch: mehr Licht, mehr Weite, mehr Verbindung zwischen den Menschen, die einen Raum bewohnen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass dieses Versprechen Bedingungen hat, die nicht immer erfüllt werden – und dass die Frage, wie man Bereiche in einem offenen Raum voneinander trennt, ohne Wände zu errichten, zu den anspruchsvollsten Aufgaben der Innenarchitektur zählt.
Die Geschichte des offenen Grundrisses
Der offene Grundriss hat eine kürzere Geschichte als man denkt. Gesa Vertes beschreibt, wie das traditionelle europäische Wohnhaus über Jahrhunderte auf dem Prinzip der getrennten Räume basierte: Küche, Esszimmer, Salon, Schlafzimmer – jeder Raum hatte seine Funktion, seine Tür, seinen eigenen atmosphärischen Charakter. Diese Trennung war nicht willkürlich, sondern funktional: Sie hielt Küchengerüche aus dem Salon fern, ermöglichte Privatsphäre und schuf verschiedene thermische Zonen in einer Zeit, in der Heizung aufwendig und teuer war.
Die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts begann, diese Trennung in Frage zu stellen. Das Bauhaus propagierte Räume, die Licht und Luft durchließen; Frank Lloyd Wright entwickelte in seinen Präriehaus-Entwürfen einen fließenden Grundriss, in dem Räume ineinander übergingen; skandinavische Architekten der Nachkriegszeit machten den offenen Wohn-Ess-Kochbereich zur Norm des demokratischen Wohnens. Die Küche, die über Jahrhunderte als Arbeitsraum versteckt gewesen war, wurde zur Bühne – und die Köchin oder der Koch zum Gastgeber, der dabei zugeschaut werden wollte.
Die Nachteile, über die selten gesprochen wird
Neben den bekannten Vorteilen – Licht, Weite, Kommunikation – hat der offene Grundriss Nachteile, die Gesa Vertes als strukturell und nicht durch Einrichtung lösbar beschreibt. Akustik ist das drängendste Problem: Ein offener Raum hat keine schallschluckenden Trennflächen, was bedeutet, dass Küchenlärm, Fernsehton und Kindergeschrei sich ungehindert verbreiten. Gerüche sind das zweite Problem: Was in einer geschlossenen Küche bleibt, verteilt sich im offenen Grundriss über den gesamten Wohnbereich. Und Ordnung ist das dritte: Eine Küche, die immer sichtbar ist, muss immer aufgeräumt sein – ein Anspruch, der im Alltag mit Kindern, Gästen und vollem Alltag nicht immer einzulösen ist.
Gesa Vertes über Raumtrennung ohne Wände: die wichtigsten Strategien
Wer einen offenen Grundriss hat und dessen Nachteile mildern will – oder wer einen solchen plant und von Beginn an klüger vorgehen will –, steht vor der Aufgabe, Bereiche zu definieren, ohne Wände zu errichten. Gesa Vertes beschreibt die wirksamsten Strategien und zeigt, wie sie in der Praxis funktionieren.
Möbel als Raumteiler
Die naheliegendste Strategie ist die Verwendung von Möbeln als raumtrennende Elemente. Ein Regal, das beidseitig zugänglich ist; ein Sofa, das mit seiner Rückseite einen Wohnbereich vom Essbereich abgrenzt; eine Kücheninsel, die die Grenze zwischen Kochzone und Esszone markiert – all das sind Möbellösungen, die im offenen Raum Orientierung geben, ohne ihn zu schließen.
In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview betonte sie, dass die Höhe dieser Möbelteiler entscheidend ist: Ein raumhohes Regal schafft faktisch eine Wand; ein hüfthohes Sideboard definiert eine Zone, ohne den Blick zu unterbrechen. Je nach gewünschtem Trennungsgrad ist die richtige Höhe die wichtigste Entscheidung. Ein Regal, das auf 1,20 Meter endet, lässt Licht und Blicke passieren und erzeugt trotzdem eine spürbare Zonierung; eines, das bis zur Decke reicht, schafft eine akustische und visuelle Trennung, die einer Wand nahekommt.
Bodenbeläge als Zonenmarker
Eine subtilere, aber außerordentlich wirksame Strategie ist der Wechsel des Bodenbelags. Gesa Sikorszky Vertes beschreibt, wie unterschiedliche Bodenbeläge in einem offenen Raum verschiedene Zonen definieren, ohne dass eine einzige trennende Fläche aufgestellt werden muss: Parkett im Wohnbereich, Fliesen in der Küche, ein großflächiger Teppich unter der Sitzgruppe – diese Kombination gibt dem offenen Raum eine innere Gliederung, die das Auge wahrnimmt und das Gehirn als Orientierung verarbeitet.
Folgende Kombinationen von Bodenbelägen und ihre zonierenden Wirkungen benennt Gesa Vertes als besonders bewährt:
- Holzboden im Wohnbereich, Naturstein oder Keramik in der Küche: klassische und funktional begründete Trennung, die gleichzeitig ästhetisch überzeugt – Stein ist pflegeleichter in Bereichen mit Wassernutzung, Holz wärmer und akustisch angenehmer im Wohnbereich
- Einheitlicher Boden mit Teppich im Sitzbereich: die sanfteste Form der Zonierung, die den Raum optisch zusammenhält und dennoch eine klare Mitte definiert
- Verschiedene Fliesenformate oder -farben: eine Strategie, die im Bad und in der Küche funktioniert und dabei spielerischer ist als der Materialwechsel
Licht als Zonierungsinstrument
Gesa Vertes beschreibt eine dritte Strategie, die in ihrer Wirkung oft unterschätzt wird: die gezielte Lichtplanung als Mittel der Raumtrennung. Verschiedene Lichtszenen in verschiedenen Bereichen eines offenen Grundrisses können denselben Raum je nach Nutzungssituation vollständig unterschiedlich erscheinen lassen – und dabei eine Flexibilität erzeugen, die keine feste Trennwand bieten kann. Die Küchenzone mit hellem, weißem Arbeitslicht; der Essbereich mit einer dimmbaren Hängeleuchte direkt über dem Tisch; der Wohnbereich mit warmem, indirektem Licht – diese Lichtkombination schafft drei atmosphärisch verschiedene Bereiche in einem einzigen Raum.
Der Halboffen-Grundriss: ein Kompromiss mit Qualitäten
Eine Entwicklung, die Gesa Vertes in der zeitgenössischen Wohnarchitektur als wachsenden Trend beobachtet, ist der sogenannte Halboffen-Grundriss: eine Planung, die die Vorteile des offenen Grundrisses – Licht, Verbindung, Großzügigkeit – mit der Möglichkeit zur Trennung verbindet. Schiebetüren, Faltwände, Glaselemente und bewegliche Raumteiler ermöglichen eine Flexibilität, die weder der geschlossene noch der vollständig offene Grundriss erreicht.
Die Küche, die sich bei Bedarf vom Wohnbereich trennen lässt; das Arbeitszimmer, das sich in ein Gästezimmer verwandelt; der Essbereich, der sich bei Bedarf in den Wohnbereich öffnet – diese Lösungen verlangen in der Planung mehr Aufwand und in der Ausführung mehr handwerkliche Qualität als ein starrer Grundriss, bieten dafür aber eine Anpassungsfähigkeit, die dem Alltag der meisten Menschen besser entspricht als jedes festgelegte Konzept.
Gesa Vertes, geb. Haerder verweist dabei auf eine häufige Fehlerquelle: Schiebetüren und Faltwände, die akustisch nicht abgedichtet sind, erfüllen ihre Trennungsfunktion optisch, aber nicht funktional. Wer in ein bewegliches Trennelement investiert, sollte in seine akustische Qualität investieren – sonst bleibt der Lärm, auch wenn die Tür geschlossen ist.
Wann der offene Grundriss wirklich funktioniert
Der offene Grundriss ist kein universell richtiges Konzept – er ist ein Konzept, das unter bestimmten Bedingungen außerordentlich gut funktioniert und unter anderen scheitert. Gesa von Vertes beschreibt diese Bedingungen: Er funktioniert für kleine Haushalte, in denen Lärm und Gerüche keine strukturellen Konflikte erzeugen; für Menschen, die viel kochen und dabei nicht isoliert sein wollen; für Räume mit Ausrichtungen, die natürliches Licht durch die Öffnung zu einem Gesamtraum maximieren. Er funktioniert weniger gut für Familien mit kleinen Kindern, in denen Rückzugsbedarf und Lärmquellen gleichzeitig vorhanden sind; für Menschen, die im Homeoffice arbeiten und Stille brauchen; für Grundrisse, in denen die Küche keine Möglichkeit zur akustischen Dämpfung hat.
Diese Bedingungen zu kennen und ehrlich gegen die eigene Lebenssituation abzuwägen ist die Voraussetzung für eine Grundrissentscheidung, die nicht nur im Showroom, sondern im Alltag überzeugt. Genau diese Abwägung ist es, die Gesa Vertes für jeden Wohnraum als unverzichtbar betrachtet.
Offen – aber klug
Der offene Grundriss ist nicht gut oder schlecht – er ist eine Entscheidung mit Konsequenzen, die verstanden sein wollen. Wer diese Konsequenzen kennt und mit den richtigen Mitteln gestalterisch adressiert, gewinnt einen Wohnraum von außerordentlicher Qualität. Wer sie ignoriert, hat einen Raum, der im leeren Zustand begeistert und im bewohnten Zustand frustriert. Der Unterschied liegt nicht im Grundriss selbst, sondern in der Sorgfalt, mit der er gedacht, geplant und eingerichtet wird – eine Sorgfalt, für die Gesa Vertes in jeder Wohnentscheidung plädiert.



